Das Alladale Wilderness Reserve

Auch wenn die Schottischen Highlands wie ein verbliebenes Stück unberührter Natur wirken, ist hier kaum noch etwas ursprünglich. Deshalb widmet sich das Alladale Wilderness Reserve mit seinem gesamten Team um Besitzer Paul Lister der Renaturierung und der Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts im schottischen Hochland. Dafür braucht es Geduld und Hartnäckigkeit. Und ein paar sehr wilde Tiere. 

Die Highlands – ob man selbst schon einmal dort war oder nicht, spielt bei den Assoziationen, die das Schottische Hochland heraufbeschwört kaum eine Rolle. Vor dem geistigen Auge entstehen sattgrüne Hügel und mystisch-tiefe Täler mit mäandernden Flussläufen und dunklen Mooren. Hier und da ein paar imposante Burgen oder Steinruinen, darunter ein paar Schafe, darüber Schäfchenwolken. Doch dieses so einprägsame Bild skizziert die Highlands, wie sie erst seit ein paar Jahrhunderten aussehen, eine vergleichsweise kurze Zeit. Vorher war halb Schottland dicht bewaldet. 

Mit der Industrialisierung, der einhergehenden Landflucht und der „Highland Clearance“, der Vertreibung der ansässigen Bevölkerung, schwand der von den Römern sogenannte Kaledonische Wald und mit ihm die ursprüngliche Flora und Fauna. Statt Kiefernwäldern und Raubtieren bietet sich heute vielerorts ein Bild aus grasenden Viehherden auf baumlosen Weiden. Immer noch imposant, doch um so manche Art ärmer. 

Das Alladale Wilderness Retreat in autumn colors

Ändern möchte das Paul Lister, der sich mit seinem gesamten Team vom Alladale Wilderness Reserve für die Wiederaufforstung und Renaturierung einsetzt. Als Erbe einer Möbeldynastie erwarb der Schotte 2003 ein beeindruckendes Herrenhaus samt Nebengelassen aus dem Viktorianischen Zeitalter, eine Autostunde nördlich von Inverness, inmitten einer atemberaubenden Hochlandschaft. Das gesamte zugehörige Naturreservat ist ca. 100 Quadratkilometer groß. Neben der Alladale Lodge, die heute ein Hotel ist und über sieben Doppelzimmer, Sauna, Fitnessraum, ein gemütliches Wohnzimmer, einen gemeinschaftlichen Speisesaal und weiter Annehmlichkeiten verfügt, kann man auch in diversen kleineren Häusern wildromantisch wohnen. Oder sich völlig abgeschieden in einer historischen Jagdhütte, ca. 11 Kilometer vom Haupthaus entfernt, selbst versorgen und die Natur pur genießen.

Alladale bietet seinen Gästen zahlreiche sportliche Aktivitäten, wie Wandern, Fahrradtouren oder Yoga, Wellness Behandlungen, kulturelle und kulinarische Highlights. Die Hauptattraktion ist aber ohne Zweifel die beeindruckende Landschaft. „Unsere Mission ist es, Menschen wieder mit der Natur zu verbinden, in dem festen Glauben daran, dass sie sie fortan auch wieder als schützenswert empfinden. Die Leidenschaft für die Natur teilen im Allgemeinen all unsere Gäste. Außerdem genießen sie vor allem Alladale’s schier endlose Weite und die private Abgeschiedenheit, die saubere Luft, die Ruhe und den atemberaubenden Nachthimmel. Wanderungen durchs Reservat inklusive toller Gespräche, die Gastfreundlichkeit unseres Teams und das wunderbare Essen, das unsere Küche zubereitet sicher auch. Der Abschluss des Tages mit einem guten Glas Whisky aus der Region oder einem Bio-Bier gehört natürlich dazu!“, schwärmt Pieter-Paul Groenhuijsen, Hauptgeschäftsführer von Alladale. 

Retreat castle in the reserve surrounded by the Scottish forest

Ausflüge mit Rangern, Angel- und Naturerkundungstouren laden dazu ein, das schottische Hochland zu entdecken. Wer zudem seine eigenen Grenzen austesten möchte, kann an einem Survival Camp oder an einem Wim-Hof-Method-Retreat teilnehmen: Eine Methode, die der Extremsportler Wim Hof (auch als „The Iceman“ bekannt) entwickelte und die auf der tibetanischen Meditationspraxis beruht. „Die Wim Hof Methode basiert auf einer Atemtechnik, die ein gesteigertes Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Körpers und Immunsystems unterstützt. Durch eine ansteigende Kälteeinwirkung können Sie schließlich Ihr sogenanntes ,inneres Feuer’ freisetzen und der Kälte standhalten – was eine Reihe positive Effekte auf die körperliche und geistige Gesundheit bietet. Bei diesem Retreat dreht sich alles um Kälteeinwirkung, es ist daher nur im Winter verfügbar.“ erklärt uns Groenhuijsen, der selbst bereits teilgenommen hat und ein enthusiastischer Wim-Hof-Fan ist. 

Alladale ist aber nicht nur etwas für Individualisten, sondern auch für Familien oder Gruppen. Vor allem zieht das Reservat Menschen an, die der Ruf in die Wildnis lockt, so wie Paul Lister einst selbst. Als er die Chance hatte, das Anwesen mit dem riesigen Areal zu erwerben, erkannte er sofort das Potenzial der Umgebung und seine eigene Rolle darin: Hier konnte er fortan etwas zurückgeben, endlich „Teil der Lösung sein und nicht mehr des Problems“, wie er selbst formuliert. Seitdem haben er und sein Team zahlreiche Naturschutzarbeiten geleistet, von der Pflanzung über eine Million Bäume heimischer Arten über den Wiederaufbau von Mooren bis hin zur Rückführung von Wildtieren – Paul Listers wohl ambitioniertestes Projekt. 

Fisch swimm upstream

„Die Wiederherstellung des Ökosystems steht im Mittelpunkt all unserer Aktivitäten auf Alladale“, betont Groenhuijsen. Denn wie gesagt, vor rund 2000 Jahren war die Landschaft hier ein andere: satte Urwälder die eine artenreiche Fauna mit Raubtieren wie Luchsen, Wölfen, Bären und vielleicht Elchen beherbergten. Im Laufe der Jahrhunderte ging der größte Teil des Waldes durch landwirtschaftliche Eingriffe verloren und mit ihm die Tiere. Das Alladale-Team arbeitet hart daran, die ursprünglichen Pflanzen- und Wildtierarten wieder einzuführen und dem Schottischen Hochland auf die Beine zu helfen. Das größte Anliegen ist dabei die Rückführung der eigentlich unwiederbringlich ausgelöschten Arten. Denn schließlich befindet sich Großbritannien auf einer Insel. Es ist also nicht unbedingt wahrscheinlich, dass zum Beispiel ein Wolf alsbald selbst den Weg zurück findet, wie es andernorts der Fall war, als die Tiere über das Eis bis nach Schweden und Norwegen liefen. 

Wildtieren den Weg zurück nach Schottland zu ebnen erfordert also ein hohes Maß an Eigeninitiative und Aufwand. Nichts davon scheuen Lister und sein Team und so ist ihnen bereits die Wiedereinführung von roten Eichhörnchen gelungen. Zudem nimmt Alladale an einem Zuchtprogramm für seltene, vom Aussterben bedrohte schottische Wildkatzen teil – drei wurden bereits auf Alladale geboren und werden wenn möglich irgendwann ausgewildert. Dank dem Bau von gewaltigen Nistplätzen fühlen sich inzwischen nicht nur die ansässigen Steinadler, sondern auch die Weißschwanz-Seeadler wieder heimisch. Ein längerfristiges Ziel ist aber, Wölfe in kontrolliertem Umfang zurück nach Schottland zu bringen. Doch hier scheiden sich die Geister. 

imposing eagle landing at the reserve

Für das (schottische) Ökosystem könnte die Rückführung eines Raubtieres ein enormer Gewinn sein, wie sich auch andernorts gezeigt hat. In Nordamerika wurde der Wolf 1995 in den Yellowstone Nationalpark zurückgebracht, was beachtliche Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem hatte: Die Wölfe reduzierten den Wildbestand auf natürliche Weise, dieser wiederum zog sich weiter in den Wald zurück und so regenerierten sich die Täler. Bäume wie Espen und Pappeln kamen zurück und mit ihnen viele Vogelarten, die Yellowstone zuvor verlassen hatten. Mit den Bibern kehrten Otter, Fische, Insekten und Wasservögel zurück, alsbald kamen Dachse und Füchse, Mäuse und Marder, die wiederum Falken und weitere Greifvögel lockten. Die Ufer der Flüsse stabilisierten sich und so tat es das gesamte Ökosystem. 

Wie solche Projekte zeigen, kann die Integration von Wildtieren bedeutende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem haben, das man sich ohnehin wie eine Pyramide vorstellen muss: Durch die kontrollierte Rückführung ursprünglich heimische Tier- oder Pflanzengattungen werden weitere Arten zur Rückkehr animiert. Doch Yellowstone ist mit knapp 9.000 Quadratkilometern ungleich größer als Alladale. 

trees and a river that runs through the reserve

Besorgte Farmer und Kritiker dieser Rückführung in Schottland fürchten, dass die Wölfe sich zu schnell ausbreiten und zu einer Gefahr für Mensch und Vieh werden. Die Angst vor Wölfen ist eine uralte, vor allem geschürt durch brutale Märchen und dramatische Filme. Eine reelle Bedrohung für den Menschen stellen die scheuen Fleischfresser kaum dar. Für Tiere allerdings schon. Von Norwegen bis in die deutsche Prignitz haben Bauern große Probleme mit Wölfen und anderen Raubtieren, die ihre Herden reißen. Ähnliches fürchten schottische Schafzüchter.

Listers Plan ist deshalb, zwei Rudel gechipter Wölfe auf einem eingezäunten Teilgebiet zu entlassen. Zwar würde der drei-Meter-hohe Elektrozaun die Bauern schützen, doch wäre dieses Teilgebiet dann ein Zoo und nicht mehr frei zugänglich, bemängeln die schottischen Behörden. Außerdem befänden sich Raubtiere und Beute in einem gemeinsamen Gehege –was wiederum mit zoologischen Grundsätzen kollidiert. Die schottische Regierung tut sich daher schwer, solche Vorhaben zu unterstützen. „Wölfe bleiben dennoch ein wesentlicher Teil unserer Bestrebungen und Vision hier auf Alladale“, sagt Groenhuijsen, schließlich sei Schottland das einzige europäische Land, in dem es keine Wölfe mehr gibt. Und der ökologische Nutzen läge auf der Hand. 

Luchse hingegen scheinen ein Kompromiss zu sein, den auch die Regierung eingehen würde. „Auch sie könnten eine wichtige Rolle in der Eindämmung von Wild spielen, dessen Population in Schottland gerade außer Kontrolle gerät. Ähnlich wie Wölfe können Luchse das Weideverhalten von Hirschen verändern, indem sie sie in Alarmbereitschaft und Bewegung halten. So würde der übermäßigen Beweidung endlich Einhalt geboten und die Wälder könnten sich regenerieren.“ sagt Groenhuijsen. Zudem greifen Luchse aus dem Hinterhalt an und jagen nicht im Rudel, sie verstecken sich stattdessen gerne in den Wäldern, was sie zu einer geringeren Gefahr für Nutztiere macht.  

fresg vegetables direct from the Alladale Wilderness Reserve

Die Hoffnung auf Raubtiere, die das natürliche Gleichgewicht begünstigen könnten, gibt Lister nicht auf. Doch so lange die Regierung kein grünes Licht gibt, bemüht sich das Team auf Alladale eben an anderer Stelle, den ökologischen Fußabdruck zu verbessern. „Während des Lockdowns waren wir ziemlich beschäftigt“, sagt Groenhuijsen, „wir haben den größten aquaponischen Garten des Landes angelegt, um unser Gemüse und unsere Kräuter fortan komplett selbst anzubauen, ohne Abfälle. Unsere beiden Gärtner arbeiten eng mit unserem Küchenchef zusammen, um unseren Gästen ein buchstäbliches ,Field-to-Fork’-Erlebnis zu bieten, Essen vom Feld direkt auf den Tisch. Unser Team hat natürlich bereits einen Großteil der Produkte aus den Gärten getestet, und sowohl der Geschmack als auch der Nährwert der Produkte überzeugen auf ganzer Linie.“ Schon mehrfach wurde das Alladale Wilderness Reserve für seinen nachhaltigen und ökologischen Ansatz, die Zusammenarbeit mit diversen Tier- und Naturschutzprogrammen und seine Bildungsprogramme für Jugendliche ausgezeichnet. Von National Geographic wurde Alladale in diesem Jahr sogar zum „Best of the World-Reiseziel zur Wiederentdeckung der Natur“ nominiert. Ein hübscher Titel, der hoffentlich nicht im Lockdown verpufft. Doch da hat Pieter-Paul Groenhuijsen keine Sorge, „Jetzt, da es so aussieht, als ob Reisen bald wieder möglich ist, können wir unsere Gäste hoffentlich auch wieder willkommen heißen und sie in unsere ökologischen Bemühungen miteinbeziehen.“ 

Den Wolf lässt auf Alladale aber niemand aus dem Blick. Geschäftsführer Groenhuijsen hofft für die Zukunft, „dass Alladale irgendwann Teil eines nationalen Netzwerks ist, welches die Naturgebiete vom Süden Englands mit dem Norden der Highlands verbindet. Durch natürliche Korridore könnten Wildtieren ungehindert über die Inseln streifen, ganz ohne menschliche Einwirkung.“ Schöne, wilde Aussichten! 

Vielen Dank für das nette Gespräch, Pieter-Paul Groenhuijsen, General Manager des Alladale Wilderness Reserve.


Das Wildness Reserat ist teil des Wolftrails, eine 6-tägige Wanderroute durch die schottischen Highlands von Jack Wolfskin und ASI Reisen.

Deer in pond bewteen two hills in sand colors