Rückkehr nach Grönland | #1

Im letzten Winter hat uns Grönland fest in seinen Bann gezogen. Jetzt kehren wir im Sommer in die Arktis zurück. Diesmal mit Zelten und Campingausrüstung und dem Plan, einige der kleinen, verstreuten Siedlungen an der zerklüfteten Ostküste dieses riesigen Landes zu besuchen und von dort aus Wandertouren zu starten.  

Auf unserer vergangenen Winterreise hatten sich die Eisbedingungen als so schwierig bewiesen, dass wir nicht wie geplant zu den Gletschern gelangen konnten, um sie für unsere Klimawandel-Reportage zu dokumentieren.  

Grönland

Der wilde Osten

Wild zerklüftetes Land erstreckt sich beim Landeanflug auf die kleine Siedlung Kulusuk unter uns. Auf einer staubigen Piste kommt die Maschine der Air Iceland zwei Stunden nach unserem Abflug aus Reykjavik zum Stehen. In einer Baggerschaufel wird unser Gepäck um das winzige Flughafengebäude gefahren. Wir suchen erst einmal unsere Softshells, Regenjacken und Texapore-Hosen sowie Mützen und Handschuhe raus, denn vor uns liegt schon die nächste Etappe der Reise: Die Bootsfahrt über den Polarstrom in den Kong Oscar Fjord zur Siedlung Tasiilaq. Wie auch im Winter begrüßt uns Ostgrönland mit strahlend blauem Himmel, Sonnenschein und klarer, kühler Luft. 

Eisberge glitzern, es kracht und knackt im Eis um uns herum, während wir über den Polarstrom dahingleiten. Wie sehr haben wir uns auf diese Rückkehr gefreut!

Bekanntes Terrain

Paula, Mio, Hannah und Frieda können sich noch an Tasiilaq erinnern. Hannah fällt unserem mittlerweile sehr lieb gewonnenen Freund Robert Peroni in die Arme, als wir endlich dessen Expeditionslodge "Red House" erreichen. Dann flitzen die Kinder los um die Schlittenhunde-Welpen zu begrüßen, von denen es überall wimmelt. Aus der Lodgeküche dringen bekannte Gerüche nach Robbenfleisch herüber, auf der Wäscheleine neben dem Haus baumeln frisch gewaschene Expeditionsanzüge und im Fjord treiben bizarr geformte Eisberge. Jens und ich lassen uns in der Sonne auf unsere Packtaschen fallen und können trotz Erschöpfung gar nicht mehr aufhören zu grinsen.


Paddeln zwischen Eisbergen

Sommernächte am Polarkreis sind lang und haben eine einzigartige Stimmung. Warum also unnötig Zeit im Bett verbringen? Gleich am zweiten Abend machen sich Jens und Paula mit unserer Freundin Caroline aus Tasiilaq auf den Weg zum Kong Oscar Fjord, um im Licht der sinkenden Polarsommersonne zwischen Eisbergen Kanu zu fahren. Auf dem Wasser herrscht eine beruhigende Stille, die nur ab und zu von dem Knacken brechender Eisberge unterbrochen wird. Jens und Paula wären gerne noch Stunden in dieser betörend schönen Eismeer-Ruhe gepaddelt, aber Caroline drängt zur Rückkehr, als sich zwischen Eisbergen dichter Nebel ausbreitet.

Paddeln im Eismeer
Eisberg

Von leckeren Beeren …

Die ersten Tage in Grönland verbringen wir mit Erkundungstouren um Tasiilaq. Mio hat seine Angel im Schlepptau in der Hoffnung an einem der vielen Seen und Fjorde einen Fang zu machen. Ein paar Wochen ohne Schnee, etwas Sonnenschein und Wärme haben ausgereicht, um die karge Felslandschaft in ein "grünes Land" zu verwandeln, das seinem Namen alle Ehre macht. Die einheimischen Blumen, Kräuter und Beeren sehen nicht nur schön aus, sondern schmecken auch. Frieda hat es besonders auf die blauen Glockenblumen abgesehen, die einen süßlichen Geschmack im Mund entwickeln. Mio und Hannah sammeln Stunden lang voller Inbrunst Krähenbeeren. Die schmecken nicht so lecker wie Blaubeeren, aber auf Wanderungen werden sie für uns alle zur willkommenen Erfrischung.

Spielende Kinder
Hannah

… und hungrigen Bären

Völlig entspannt kehren wir von einer Wanderung nach Tasiilaq zurück - und werden schon von Robert erwartet. "Gut, dass Ihr zurück seid!" Er deutet auf das Schild, dass an seiner Tür hängt. "Es hat einen Angriff auf ein Zeltcamp gegeben." Eine Eisbärenmutter mit zwei Jungen hat sich, vom Hunger getrieben, näher als üblich an die Siedlung herangewagt. Auch wenn dieTouristinnen per Hubschrauber gerettet werden konnten, liegt eine bedrückende Stimmung in der Luft. Dass im Zuge des Klimawandels und verschwindender Meereis-Flächen Eisbären Hunger leiden weiß heute schon jedes Kind. Einen Angriff auf Menschen hatte es in Grönland bisher allerdings noch nicht gegeben.


Danger - Do not leave the town!

Um so verwirrender sind Meldungen, die am nächsten Tag die Runde machen. Weitere Eisbären wurden gesichtet, einer sogar im "Tal der Blumen" in dem wir gestern noch gewandert sind. "Völlig ungewöhnlich!" erklärt Robert kopfschüttelnd. Trotzdem ordnet die Polizei an, dass die Siedlung nur im Notfall und dann mit Gewehr verlassen werden darf. So sehr wir uns auf eine Begegnung mit Eisbären aus sicherer Entfernung gefreut hätten - jetzt machen sie uns einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. Größere Reisegruppen können sich mit Nachtwachen am Zeltlager abwechseln. Mit vier Kindern wird das bei uns aber schwierig. Von Tasiilaq aus können wir im Moment also nicht mehr in andere Siedlungen wandern, um von dort aus die Gletscher zu erreichen. Ein neuer Plan muss her. Aber das ist ja manchmal leichter gesagt als getan!

Steingässers auf dem Boot