Wenn die Welt auf einmal still wird

13.01.2015

Wenn die Welt auf einmal still wird

"Borneo? Wo liegt das denn nochmal?", das war wohl die häufigste Frage, die ich zu hören bekam, wenn ich von meinen diesjährigen Sommerplänen berichtete. Aber wenn ich ehrlich bin muss ich zugeben, dass ich selbst noch nicht allzu viel über diese wundersame Insel wusste bevor meine Reise begann. Ich war mir nur sicher, dass Borneo ein weiterer Wildlife-Hotspot war, der unbedingt erkunden werden wollte.

Mein Sommer im Dschungel

Ich bin Hannah, Tiermedizinstudentin in Hannover und ein großer Fan von Natur, der Tierwelt und Abenteuer. Das alles bewegte mich diesen Sommer zu einem zweimonatigen Praktikum auf einer Forschungsstation mitten im Regenwald Borneos. Es war eine einmalige und großartige Erfahrung für mich in der ich das Leben im Dschungel, die Arbeit in der Wildtiermedizin und viel über meine Begeisterung für Natur erfahren durfte. Ich assistierte dem Wildtierarzt bei seiner Arbeit und begleitete die Forscherinnen und Forscher der Station in ihren Projekten. „Wildlife and Conservation Medicine“ sind genau die Gebiete, in denen ich später arbeiten möchte, deshalb war dieses Praktikum für mich wie ein Traum, der wahr wurde.

So kam es also, dass ich ein paar Stunden nach meiner letzten Physikumsprüfung in einem Flieger nach Südostasien saß – müde, neugierig und auch ein bisschen ängstlich. Allerdings legten sich meine Befürchtungen schlagartig, sobald ich nach langem Flug, einer sechsstündigen Zeitverschiebung und holprigen Autofahrten aus einem kleinen Van stieg und auf einmal IHN erblickte – den Kinabatangan River – ein mächtiger, schlammbrauner Fluss, der sich durch das Land schlängelte, umrahmt von gigantischen Baumen, Hügeln und einem Grün, wie ich es bisher nur aus Fernseh-Dokus kannte. Dieser Anblick machte mich sprachlos, ich spürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen, und nur noch ein Gedanke kreiste in meinem Kopf: Ja! Genau hier möchte ich sein!

Borneo ist mit einer Fläche von 751.936 km² nach Grönland und Neuguinea die drittgrößte Insel der Welt und aufgeteilt zwischen den drei Staaten Indonesien, Malaysia und Brunei. Der Kinabatangan ist der größte Fluss des malaysischen Bundestaates Sabah im Osten der Insel Borneo. Sein Gebiet umfasst tropische Wälder, Altarm-Seen, Sumpfgebiete sowie Mangrovenwälder und gilt als eine Region von besonders hoher Biodiversität. Einige Teile seines Überschwemmungsgebiets stehen als „Kinabatangan Wildlife Sanctuary“ unter Naturschutz. Allerdings sind die Lebensräume durch die zunehmende Besiedelung der Flussufer und die enorme Ausbreitung von Palmöl-Plantagen extrem bedroht. Bis heute wurden große Teile der einstmals völlig bewaldeten Insel rücksichtslos durch Brand gerodet und nur noch als Palmölplantagen genutzt. Palmöl bildet das Haupteinkommen der Inselbewohner. Das macht das Naturschutzgebiet des Kinabatangan als Quelle und Schutz für Wildlife so besonders und einzigartig. Das sollte ich in den nächsten Wochen an diesem wundersamen Ort noch am eigenen Leib erfahren dürfen ...

Die Ankunft

Nachdem ich mich aus meinem ersten großen Staunen losreissen konnte, saß ich also auf einem kleinen Motorboot mit Fahrtwind im Gesicht und meinem Gepäck auf dem Schoss und fuhr flussabwärts zu einer kleinen Forschungsstation, versteckt im Regenwald, und nur mit dem Boot zu erreichen. Die Station bestand aus vier großen Gebäuden, und ich traf dort Forschende verschiedener Nationalitäten, die an unterschiedlichen Forschungsprojekten arbeiteten. Ich wurde dort sehr herzlich aufgenommen und fühlte mich direkt wohl.

Als ich dann an meinem ersten Abend müde und erschöpft von der langen Reise unter meinem Moskitonetz lag, fühlte ich mich von all den neuen Eindrücken erschlagen: Draussen herrschte eine enorme Geräuschkulisse mit lauten Zikaden, raschelnden Tieren, singenden Vögeln und zwischendurch bildete ich mir auch ein, Affen rufen zu hören. Dazu kamen die erbarmungslose Hitze mit 95 prozentiger Luftfeuchtigkeit und eine tiefschwarze Dunkelheit, wie ich sie vorher noch nicht erlebt habe. Ich weiß noch wie ich mir in dieser schlaflosen Nacht überlegte: Wow Hannah, willkommen im Dschungel! – mit meiner Stirnlampe neben dem Kopfkissen und meinem Taschenmesser in Reichweite ... Niemals hätte ich mir nach dieser ersten Nacht vorstellen können, dass ich diese "Musik des Dschungels" irgendwann mal beruhigend finden und nachts bei diesen Temperaturen frieren würde ...

Ein typischer Tag im Dschungel

Ich fand es verwunderlich, wie schnell ich mich an diesem ungewöhnlichen Ort mit einem ungewohnten Tagesablauf zurechtfand. Morgens früh um 6 Uhr klingelte der Wecker, draussen wurde es langsam hell, aber trotzdem schlüpfte ich lieber mit Stirnlampe bewaffnet aus dem Bett. Kurz kaltes Wasser ins Gesicht (Spiegel gab es ja zum Glück nicht) und ab in die tropentaugliche Outdoor Ausrüstung. Ich war wirklich dankbar für die hellen Tropenhemden und dunklen Hosen die langärmlich und Mücken abwehrend, aber trotzdem luftig und schnell trocknend perfekt für den Dschungel geeignet waren. Wirklich praktisch, da man bei der Feuchtigkeit kaum etwas trocken bekommt. Deshalb waren die schnelltrocknenden Handtücher auch sehr praktisch. Die Hose wurde in die leichten und atmungsaktiven Wandersocken gesteckt, der "Djungle-Style", damit die Blutegel keine Chance zum Festsaugen fanden und ab in die Gummistiefel. Schlussendlich noch mit Insekten Repellent einsprühen, was ich am Ende allerdings auch bleiben ließ, da man durch das Schwitzen und die hohe Feuchtigkeit trotzdem pausenlos gestochen wurde.

Nach einem kurzen Frühstück ging es für mich um 7 Uhr aufs Boot, um bei einem der Forschungsprojekte mitzuarbeiten. Das war meine liebste Zeit auf dem Wasser. Die Sonne warf ihr warmes Licht auf die Baumkronen, es war noch nicht so heiß und die Tierwelt erwachte langsam von der Nacht. Ein Wahnsinnsgefühl, wenn mir der Fahrtwind ins Gesicht blies, die gigantischen grünen Bäume vorbeiglitten, ich Affen in den Baumkronen entdeckte, die Krokodile sich auf den Sandbänken sonnten und Nashornvögel und Adler den Fluss überquerten – unbeschreiblich schön!

Nach getaner Arbeit, einschließlich stundenlanger Dschungelwanderungen, ging es dann gegen 11 Uhr zurück zur Station – nass geschwitzt und übersät mit Mückenstichen. Wie sehr ich mich plötzlich auf eine kalte Dusche freuen konnte! Gegen 12 Uhr gab es endlich das ersehnte Mittagessen, beeindruckend was für einen Bärenhunger ich im Feld entwickelte. Auch den alltäglichen Reis lernte ich zu lieben!Nach einer ausgiebigen Mittagspause, in der es eh zu heiß war um konstruktiv zu sein, ging es am Nachmittag ein zweites Mal zur Arbeit in den Wald. Es war toll zu merken, wie schnell ich mich an die Umgebung und das fremde Klima gewöhnte. Es wurde normal für mich, meinen ersten Liter Wasser schon vor 10 Uhr ausgetrunken zu haben, und ich entdeckte mit der Zeit immer mehr versteckte Tiere in dem Bäumen. Vor allem sorgfältiges Hören war wichtig, um Tiere zu sichten. Ein Nasenaffe bewegt sich nämlich ganz anders in den Baumwipfeln als ein Orang-Utan oder die Langschwanzmakaken.

Abends, nach einem erfolgreichen Arbeitstag und der dritten Dusche mit Inspektion nach Blutegeln und Mückenstichen (ich hörte ziemlich schnell mit dem Zählen auf), gab es Abendessen und anschließend saßen wir noch oft zusammen, spielten Karten und berichteten von den Erlebnissen des Tages. Gegen 22 Uhr kehrte jedoch meist schon Ruhe ein auf der Station – der Dschungel macht müde!

Wenn die Welt auf einmal still wird

Eines meiner wohl eindrücklichsten Erlebnisse war, als ich zum ersten Mal die Borneo-Zwergelefanten erblickte. Wir kamen von einer anstrengenden Nachmittagsschicht, wurden von einem gewaltigen Regen im Wald überrascht und saßen letztendlich zusammengekauert und klitschnass auf dem Boot, als ich sie plötzlich hinter einer Kurve am Ufer entdeckte, die Waldelefanten! Die kleinste Elefantenart der Welt. Ich konnte es überhaupt nicht glauben, es kam so unerwartet und mir traten die Tränen in die Augen, so ergriffen war ich von dem Anblick. Es gibt Augenblicke, in denen wir vor etwas Großem stehen, dessen Anblick uns überwältigt und die Welt auf einmal still wird… genau solch‘ ein Moment war das!

Circa neun Elefanten standen dort friedlich am Ufer mit den Babys beschützend in ihrer Mitte und grasten. Der Regen schien ihnen nichts auszumachen, ein toller Anblick! Die Elefanten bekam ich in den nächsten Tagen dann allerdings noch häufiger zu Gesicht, da die ganze Herde mit circa 80 Tieren auf dem Weg flussabwärts, an unserer Station vorbei, unterwegs war. Ich sah sie den Fluss überqueren, baden und sogar direkt vor unserem Haus „spielen“. Ein unglaubliches Gefühl, morgens von Elefanten-Getröte geweckt zu werden.

Die Ruhe vor dem Sturm

Was einen tropischen Sturm ausmacht, werde ich so schnell nicht wieder vergessen. Es begann eigentlich immer auf dieselbe Weise: Im Laufe des Nachmittag wurde es so schwül und feucht, dass mir ohne jede körperliche Betätigung der Schweiß von der Nasenspitze tropfte. Der Himmel wurde immer dunkler und schwärzer und dann, ganz plötzlich, wurde es ruhig. Nur aus der Ferne hörte man schon gewaltiges Donnergrollen. Wenn ich mich noch im Wald befand, war genau das der Zeitpunkt, um mich schleunigst aus dem Staub zu machen. Danach konnte es nämlich gefährlich werden. Als nächstes folgten enorme Windböen, die durch die Bäume fegten und Äste von den Bäumen rissen. Bei ersten Mal dachte ich an ein riesiges Tier, das durch den Wald stürmte um alles zu zerstören was ihm in die Quere kam. Das war der Augenblick in dem man sich vor "Deadfall", dem sogenannten Totholz das von den Bäumen stürzte, in Acht nehmen musste, eine der größten Gefahren im Wald. Auf den Wind folgte dann von einem Moment auf den anderen eine Wand aus Regen. Und was für ein Regen. In kürzester Zeit fielen so viele Liter Wasser auf die Erde, dass blitzschnell alles überschwemmt war und sich überall Pfützen und kleine Flüsse bildeten. Außerdem war es so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Dazu kamen noch die beeindruckenden Blitze, die den Himmel erhellten, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner. Sehr gerne saß ich auf den überdachten Stufen hinter dem, Haus und verfolgte das Spektakel. Oft regnete es auch die ganze Nacht durch, was dazu führte, dass am nächsten Morgen alles noch feuchter und in dunstigen Nebel gehüllt war. Auch wenn der Regen schon lange aufgehört hatte, hörte man es noch stundenlang von den Blättern und Baumkronen tropfen. Da beschwere man sich in Deutschland nochmal über ein bisschen Nieselregen ... ;-)

Abschied

Es war wirklich großartig, was ich in diesen zwei Monaten alles erleben durfte: Ich habe die Zwergelefanten, riesige Krokodile und die verschiedensten Arten von Nashornvögeln, Eisvögeln, Adlern und Affen an den Flussufern entdeckt. Durfte mit dem Sunda-Nebelparder, dem Malaienbär, Bindenwaranen und den Nasenaffen arbeiten. Bin am Tag malaiischen Zibetkatzen und in der Nacht Plumploris durch den Wald gefolgt. Und habe auf nächtlichen Spaziergängen so viele verschiedene Arten von Fröschen, „abgefahrenen“ Insekten und anderen Krabbeltieren entdeckt, dass mir manchmal schon fast schwindelig wurde.

Und vor allem habe ich etwas Wichtiges über den Dschungel und mich gelernt. Es ist stark zu spüren, wie sich das Blatt wenden kann und die Natur wieder die Gewalt zurück gewinnt. Wie ich große Furcht vor kleinen (aber sehr schmerzhaften) Hundertfüssern oder einer unschuldigen Königskobra im Unterholz verspürte. Wie ich Moskitos und Blutegeln doch schutzlos ausgeliefert war und wie durch einen tropischen Regen plötzlich die Welt still steht. Wie ich lernte wieder im Einklang mit der Natur zu leben, mich nach Sonnenlicht und Wetter richtete und meine Umgebung mit allen Geräuschen Gerüchen viel bewusster wahrnahm. Wie mich Insektenstiche, das ununterbrochene Schwitzen, die kalten Duschen und der tägliche Reis überhaupt nicht mehr störten. Und wie schnell ich mich in einer so fremden und ungewöhnlichen Umgebung so wohl fühlen konnte.

Ehrlich gesagt brauche ich nach meiner Rückkehr aus dem Dschungel erst einmal wieder etwas Zeit, um mich an mein zu Hause in Deutschland zu gewöhnen. Ich muss mich ermahnen nicht automatisch das Essen, das in unserer WG-Küche herumsteht, in ameisensicherere Tupperdosen zu verstauen. Nicht mehr alles zum Lüften aufzuhängen, um es vor dem Schimmeln zu bewahren. Sobald es dunkel wird, nicht mehr automatisch nach meiner Kopflampe zu tasten. Die Schuhe nicht mehr gründlich auszuschütteln, bevor ich aus dem Haus gehe. Und vor allem fehlen mir die Geräusche des Dschungels zum Einschlafen und die singenden Vogel zum Aufwachen.Jetzt muss ich mich wieder an ratternden Straßenbahnen und hupende Autos gewöhnen, aber wie gut, dass ich so flexibel bin! ;-)

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